Die Gratis-Gesellschaft
Geschrieben am 16.01.2010 um 14:34 von Michael Eugster, abgelegt in der Kategorie Life, WWW.
Schon verrückt. Durch das Internet wurde vieles möglich und so kamen verschiedenste Angebote zusammen. Die einen Schlugen andere um Welten, die anderen zogen noch etwas hinten nach und doch gibt es Unmengen von tollen Angeboten. Was ich in letzter Zeit beobachte ist jedoch ein Trend, der meiner Meinung nicht besonders gut ist.
Es muss gratis sein.
Mit diesem Grundsatz surfen viele Leute im Internet. Sie sehen Angebote, jedoch wollen sie nicht dafür bezahlen. Sie fragen sich, warum das nicht gratis ist oder warum etwas kostenpflichtig ist, was man an einem anderen Ort gratis erhält. Es ist für viele schon selbstverständlich, dass ein Service «gratis» ist.
Diese Haltung zeigt sich dann auch schnell in Unzufriedenheit, wenn etwas mit dem Service nicht stimmt. Man motzt herum und spielt sich als Kunde herauf – bezahlt hat man jedoch nichts.
Ich arbeite freiwillig und unbezahlt bei einem Freehoster (bplaced und beim Tochterprojekt Square7) im Support und als Moderator und beobachte zunehmend diese Haltung. Für den User ist das kostenlose Hosting eine Selbstverständlichkeit. Man verlangt eine Top-Verfügbarkeit, schnellen Support, möglichst viele Ressourcen und am liebsten sowieso alles nach der eigenen Nase.
Dabei scheinen diese User, die sich so geben, zu vergessen, dass ihnen dieser Service wirklich kostenlos geboten wird. Ich bin zum Beispiel nicht bezahlt für meine Arbeit, ich arbeite also ohne Lohn. Der Lohn ist schlussendlich die Dankbarkeit der User und wenn diese in Form von grossen Forderungen gegenüber kostenlosen Leistungen entgegenkommt (also in Form von undankbarer Kritik), ist das nicht besonders toll.
Dabei vergessen viele folgendes:
«Gratis» gibt es nicht.
Nehmen wir doch gleich nochmals das Beispiel von bplaced. Das Hosting ist völlig kostenlos für den User. Es ist jedoch ein Irrtum, zu glauben, dass beim Hosting irgendwie keine Kosten entstehen. Schlussendlich wird das Ganze durch Werbung finanziert. Zwar gibt es bei bplaced auf den Userseiten selber keine Werbung, aber im Forum und auf den Benutzerseiten etwas Werbung. Gratis ist also falsch – es zahlt einfach jemand anders dafür (in diesem Fall diejenigen, die auf bplaced ihre Werbung platzieren)!
Doch nicht nur auf bplaced setzt sich dieser Gedanke mehr und mehr durch, sondern eben auch allgemein im Web. Wenn es einen neuen Service gibt, erwartet man einfach häufig, dass dieser kostenlos ist. Ist er dies nicht, dann regt man sich schnell darüber auf. Doch eigentlich sollte man sich auch diesen Satz nochmals vor Augen halten:
You get what you paid for.
Wer also bei einem kostenlosen Angebot grosse Forderungen stellt, sollte sich mal überlegen, ob er denn bezahlt hat? Hat er nichts bezahlt, bekommt er eigentlich auch nichts. Und wenn schon, dann hat er eigentlich nichts zu fordern, da er ja nichts bezahlt.
Doch wer nach diesen Grundsätzen (der User hat eh nix zu melden) einen kostenlosen Service aufbaut, der hat schon verloren. Auch wenn der Service werbefinanziert ist, sollte man auf die User eingehen. Denn lieber viele zufriedene User als wenig unzufriedene.
Doch ich schweife wieder ab. Allgemein sollte man sich einfach bewusst sein, dass es nicht selbstverständlich ist, dass es kostenlose Angebote gibt. Von dieser Selbstverständlichkeit sollte man wegkommen, denn im Leben gibts nichts gratis.
Gruss,
Michael





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Kommentar von Mirko — 16. Januar 2010, 14:59
Deinem aussagekräfitgsten Satz ” …, denn im Leben gibts nichts gratis…” will ich in gewisserweise wiedersprechen.
Wenn du das ganze Materialistisch ansiehst, ob das jetzt ein GB auf einer Festplatte in einem Server ist oder ein Google Kugelschreiber ;), dann stimme ich dir zu. Alles ist irgendwie bezahlt worden. Auch wenn das Geld, welches für heutzutage beinahe alles verwendet wird, es versteht sich “online” oder “nicht Bar” selbst nicht existiert und daher eigentlich nicht zum zahlen gebraucht werden kann, irgendwie wird alles bezahlt. Auch wenn nicht mit realen dingen.
Wirrer Satz, habe ihn mehrmals abgeändert, doch nun will ich zum eigentlichen Punkt kommen.
Doch es gibt etwas das nicht bezahlt werden muss und das sind Freunde. Natürlich findet man vielleicht mehr “Freunde” wenn man mit Geld um sich schmeisst, aber wahre Freunde müssen nicht erkauft werden. Du gehörtst auch zu meinen Freunden und ich will den Kontakt nicht zu dir verlieren. Klar würde das Geschehen wenn ich die Handyrechnung nicht bezahlen würde, du deine Serverkosten oder was auch immer. Aber beide wissen wir, gehen wir uns nicht verloren wenn man nicht zahlt. Freunde sind da und das ob mit oder ohne Geld.
Natürlich hast du das nie dementiert im aktuellen Beitrag, aber ich wollte es dir doch schnell im vorbeigehen sagen.
Mirko aus der Zukunft (bin dir 8 Stunden voraus!)
Kommentar von Untitaker — 16. Januar 2010, 15:08
Ich hoffe, dass nicht ich es war, der dich zu diesem Artikel veranlasst hat, obwohl ich genau das vermute. :-/
Kommentar von Michael Eugster — 16. Januar 2010, 15:28
@Mirko:
Da hast du natürlich recht, Freunde kann man nicht kaufen und sie müssen in diesem Sinne auch nicht bezahlt werden. Ich habe diesen Beitrag jetzt eher auf «materialistische» Dinge bezogen, denn das andere kann man nicht einfach so abkategorisieren.
@Untitaker:
Nein, du warst nicht der Grund, warum ich den Artikel geschrieben hast, keine Sorge ;) Ich kann deinen Beitrag eigentlich schon verstehen, darum habe ich ja auch meine Rückmeldung gegeben, um dir zu erklären, warum wir das so machen. Viel mehr sind es zum Teil recht freche Supportanfragen gewesen, die mich zum Nachdenken gebracht haben.
Kommentar von tin — 16. Januar 2010, 21:42
Dann gibt es noch solche, die auf der Grundlage von freier Software (Open Source), für die sie also nichts bezahlen, selber ihren Profit machen wollen. Beispiel: Für die Blogsoftware WordPress gibts eine Menge Leute, die ihre Themes verkaufen – und zwar teilweise sehr teuer. Sie nennen das dann “professionelle Layouts” – wenn man die aber durch einen Validator schickt, sind sie voller Fehler.
Kommentar von Colin — 17. Januar 2010, 18:24
Auch etwas das ich gut beobachten konnte…hatte ich doch aikon.ch vor 8 Jahren gegründet und ansich immer von Spenden gelebt, sprich teilweise damit meine Unkosten decken können. Doch seit bald 4 Jahren kam es kaum noch eine Spende, aber weit mehr User als zuvor…..
Seit 18 Monaten habe ich nun apfelkraft.ch, hier gibt es gar noch mehr (wenn auch nicht so viele User) und Spenden sind bisher gleich null, dennoch habe ich keine Werbung….na mal sehen, immerhin habe ich freundliche und keine vordernde User….;)
Kommentar von Michael Eugster — 17. Januar 2010, 18:30
Ja, das Prinzip, von Spenden zu «existieren» funktioniert nicht mehr wirklich. Die meisten wollen gerne den Service, aber nichts dafür bezahlen. Manchmal, muss man fairerweise auch sagen, sind die nicht einheitlichen Zahlungsmittel auch daran schuld, wobei Paypal wohl eines der besten und verbreitesten ist.
Toll, dass es bei dir bisher vor allem (oder nur) freundliche User gab. Bei bplaced gibts halt beide, auch wenn die Mehrheit eher dankbar und freundlich ist.